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21. Juni 2021

„Man kann doch nicht einfach dabeistehen und zusehen …“

Kreative Kurzprojekte der 10a und 10d zu Fred von Hoerschelmanns „Das Schiff Esperanza“

„[S]ieben Leute eingepfercht im Laderaum“ (S. 44) – was in Zeiten fluchtbedingter Migrationsbewegungen wie eine aktuelle Schlagzeile klingt, ist in Wahrheit ein Zitat aus Fred von Hoerschelmanns 1953 erstmalig vom SDR und NWDR ausgestrahlten Hörspiel „Das Schiff Esperanza“. Ebenso aktuell wie dessen grundsätzliche Thematik sind die Fragen, die der Text aufwirft: Was bewegt Menschen zur Flucht, welche Hoffnungen und Wünsche knüpfen sich an den Gedanken einer neuen Heimat, was nehmen Menschen für diese Hoffnungen in Kauf? Aber auch: Welches Motiv verfolgen Menschen, die in illegalen Fluchtsituationen ein lukratives Geschäft wittern? Welches Menschenbild liegt solchen Handlungen zugrunde? Und: Was ist für ein erfülltes Leben wirklich bedeutsam?

Eingebettet in einen Vater-Sohn-Konflikt, in dem der Sohn – zunehmend enttäuscht von einem Vater, den er rückblickend glorifiziert und dessen wahren Charakter er mehr und mehr enttarnt – seinem Vater den Spiegel seiner Handlungen vorhält, wirft die Handlung mit ihrem offenen Ende mehr Fragen auf, als sie klärt. Mit diesen Fragen und den zentralen Geschehensmomenten des Textes haben sich die 10a und die 10d im Rahmen kreativer Kurzprojekte beschäftigt. Ausgewählte Ergebnisse, die von Dialogen zu Leerstellen über Rezensionen bis hin zur eigenständigen Vertonung einzelner Hörspielszenen und eines Poetry Slam-Beitrags reichen, sind hier zu sehen (und zu hören).

 

Hörspielszene Das Schiff Esperanza, 41-48 von Faye und Lena, 10d

 

"Eine Leerstelle in einem Dialog füllen" von Emmy und Emily, 10d

A – Axel

M – Megerlin

 

A: He, nicht erschrecken…

M: Sie…? Was suchen Sie denn wieder hier?

A: Ich…Ich wollte nur nach Ihnen sehen…

M: Ist es bald soweit? Ich halte es nicht mehr aus, ich habe keine Kraft mehr.

A: Diese Nacht soll es soweit sein. Sie werden an der Küste ausgesetzt.

M: Ich… ich werde es nicht schaffen. Die Fahrt hat mir meine letzten Hoffnungen gegeben und mir meine letzten Kräfte genommen.

A: Mir kam da eine Idee. Aber…. nein… es ist absurd und….

M: Erzählen Sie mir diese Idee. Im Moment kann es mir nicht noch schlechter gehen. Ich will nur den blauen Himmel und die Sonne sehen.

A: Was wäre, wenn wir tauschen. Ich gehe statt Ihnen von Bord. Sie fahren weiter bis zum Hafen und gehen dort an Land.

M: Aber… aber was passiert, wenn Sie es bemerken, die Schiffsleute, was passiert, wenn es nicht funktioniert und wir auffliegen? Was werden Sie dann tun, was wird dann mit mir geschehen?

A: Es gibt keine Wahl. Sie müssten Sie wohl oder übel mit an Land nehmen. Und außerdem denke ich nicht, dass der Plan auffliegen wird. Die meisten Schiffsleute achten nur auf sich selbst und ihre Aufgaben, wenn Sie unauffällig bleiben, dann kann Ihnen nichts passieren, denke ich. Und überlegen Sie mal, es wäre viel leichter für Sie. Und ich … ich könnte ebenfalls fort. Fort von hier, diesem Schiff.

M: Was treibt Sie fort? Warum nicht hier bleiben mit einem Job und etwas zu essen?

A: Mein Vater, er ist der Schiffskapitän, ich habe ihn 13 Jahre lang nicht gesehen. Er war einfach fort, hatte entschieden nicht nach Hause zurückzukehren. Nun habe ich ihn wiedergefunden, doch er hat sich nicht verändert. Er hält nicht viel von mir, und ich nicht viel von ihm. Er ist ein Lügner. Ich halte es nicht aus mit ihm.

M: Das tut mir leid zu hören, ich kenne diese Schwierigkeiten mit der eigenen Familie. Auch ein Grund, warum ich einen Neuanfang wollte. Zuhause ging alles schief. Schlag auf Schlag wurde mein Leben immer unerträglicher dort. Ich hatte Ärger mit ein paar Leuten, meine Arbeit verlor ich auch und meine Familie stand nicht weiter hinter mir. Alles, was ich wollte, war weg von diesem Ort. Meine letzten sieben Sachen packte ich zusammen und plante meine Flucht. Nun bin ich hier und weiß nicht, ob es das Richtige war. Ich bin einfach so erschöpft und ratlos.

A: Eine schwere Zeit haben Sie hinter sich. Mein Beileid. Ich hoffe, es wird Ihnen gelingen ein neues Leben anzufangen und nochmal von vorn anzufangen. Ich verrate Ihnen etwas….

M: Hat es was mit der Frau zu tun, Edna?

A: Ja, aber woher… woher wissen Sie das?

M: Mir ist aufgefallen, wie Sie sie angesehen haben, als sie sprachen.

A: Ja, sie ist eine wunderschöne junge Frau. Ich möchte sie kennenlernen und gemeinsam mit ihr neu anfangen. Das ist auch ein Grund, warum ich mit Ihnen tauschen wollte. Zusammen mit Edna möchte ich von Bord gehen und ein neues Leben beginnen.

M: Ich hoffe wirklich, Sie können Ihre Träume erfüllen und ich bin einverstanden mit dem Vorschlag.

A: Also machen wir es, es ist eine beschlossene Sache.

 

Hörspielszene Das Schiff Esperanza von Nils, Mats und Carl, 10d

Rezension: „Das Schiff Esperanza“ von Lotta, Marie, Anissa, 10d

„Hören sie mal – es sind sieben Leute von Bord gegangen.“

„Ach so. Wissen sie das nicht? Einer gehörte gar nicht zu uns.“

Bei dem Hörspiel „Das Schiff Esperanza“ von Fred Hoerschelmann, erstmals veröffentlicht im Jahr 1953 beim Reclam-Verlag, handelt es sich um ein Vater-Sohn-Drama während der Nachkriegszeit.

Fred von Hoerschelmann wurde 1901 in Estland geboren und verstarb im Jahre 1976 in Tübingen. Seine Karriere als Schriftstellen begann 1927, nachdem er zuerst Physik, dann Chemie und zum Schluss Kunstgeschichte und Literaturwissenschaften in München studierte. Während des Zweiten Weltkrieges wurde der zur damaligen Zeit in Estland lebende Schriftsteller umgesiedelt und 1942 zur Wehrmacht eingezogen. Nach dem Krieg entstanden mehr als 20 weitere Hörspiele von Fred von Hoerschelmann, welcher sich in Tübingen niederließ.  Die tragischen Jahre während der Kriegszeit sowie der Nachkriegszeit findet man in seinen Werken wie zum Beispiel „Das Schiff Esperanza“ wieder.

Zu Anfang des Dramas heuert der Protagonist Axel Grove auf dem Schiff Esperanza als Leichtmatrose an. Er wird aufmerksam auf den Namen des Kapitäns Grove und vermutet, dass es sich um seinen Vater handeln muss, welcher ihn vor 13 Jahren verließ. Dies stellt sich im weiteren Verlauf der Geschichte als wahr heraus. Unbemerkt von Axel kommen gleichzeitig sieben illegale Passagiere an Bord, die nach Amerika geschmuggelt werden sollen. Während der Schiffsfahrt kommen Axel und Grove sich näher und erneuern ihre Beziehung, allerdings kommt Axel auch dem Menschenhandel immer mehr auf die Schliche und gefährdet somit Groves Geschäft sowie seinen Stolz als Vater. Das Drama baut sich bis zum Schluss auf und endet in einer dramatischen Katastrophe.

In dem Hörspiel werden vor allem drei Personen ins Visier genommen. Der Protagonist Axel Grove sowie der Kapitän und Axels Vater Grove und der Flüchtling Megerlin. Zu Beginn ist Axel ein schüchterner Mann, welcher schon in seinen jungen Jahren genug vom Leben hat und geprägt durch die Armut und den Hunger seiner Familie ist. Er verhofft sich eine verbesserte Beziehung mit seinem Vater, welcher für ihn schon als kleines Kind ein Vorbild darstellte. Jedoch wird er bitter enttäuscht, als er sieht, was aus seinem Vater geworden ist. Im Laufe des Textes wird Axel selbstbewusster und gibt immer mehr Widerworte. Er bekräftigt seine Sicht der Dinge und es kommt zu einer verhängnisvollen Auseinandersetzung mit seinem Vater. Kapitän Grove ist durchgehend ein kalter, dominanter Mann. Er ertränkt seine Erinnerungen und sein Leben im Alkohol. Axel ist ein neuer Lichtblick in seinem Leben, für welchen es sich zuerst lohnen zu scheint, sein Leben umzukrempeln. Die Gespräche von Grove bestehen hauptsächlichen aus Befehlen oder Sarkasmus und Ironie, mit welcher er Axel erniedrigt. Jedoch versteckt sich hinter der harten Schale auch ein weicher Kern, voller Fürsorge für seinen Sohn. Dies wird gegen Ende des Dramas deutlich für den Leser sichtbar. Bei Megerlin handelt es sich um einen Flüchtling, welcher unter Deck nach Amerika geschmuggelt werden soll. Er ist von Anfang an ziemlich neugierig und besteht darauf trotz der Gefahr, gesehen zu werden, das Schiff zu erkunden und das Meer zu sehen. Auch gegen Ende des Textes widersetzt sich Megerlin Befehlen und zieht seinen eigenen Stiefel durch. Hierbei wirkt er auf eine provokante Art naiv und unschuldig.

Das moderne Drama dreht sich um die Flüchtlingskrise nach dem Krieg. Obwohl das Buch in der Nachkriegszeit spielt, ist das Thema aktueller denn je. Das Hörspiel gibt einen Einblick in die Sicht der Flüchtenden und der Schmuggler und erläutert deren Motive. Durch die einfache Sprache, welche im Text vorzufinden ist, gelingt es dem Leser gut mitzukommen. Durch die Handlung zieht sich ein roter Faden und sie ist nahezu voraussehbar. Trotzdem gibt es einem enormen Spannungsaufbau und es kommt zu einem überraschenden und offenen Ende, welches den Leser schockiert.

Ich denke, dass das Buch lesenswert ist, da es trotz des Zeitunterschieds ein aktuelles Thema anspricht. Die wenigen Seiten des Hörspiels ziehen den Leser in den Bann und lassen ihn am Ende schockiert zurück.

Poetry-Slam von Emilia und Nike 10a

Erklärvideo Nick, Laurenz, Konstantin-10a

Hörspiel Nicolas, Moritz, Laurent, 10a

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