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5. Februar 2024

Erste Sätze

Präsentation der Ergebnisse aus der neunten Schreibwerkstatt

Der erste Satz, die ersten Sätze einer Geschichte verraten oft mehr, als man beim Zuhören oder Lesen denkt: Sie vermitteln Stimmungen, Spannungen werden spürbar, oder sie verweisen auf ein zentrales Ereignis der späteren Handlung. In diesen Sätzen versteckt sich – manchmal – die ganze Geschichte im Kleinformat. So war dies auch am letzten Donnerstag, als die Autorinnen und Autoren aus der diesjährigen Schreibwerkstatt (26.1. bis 1.2.2024) Auszüge aus ihren Texten lasen, die sie in den zurückliegenden Tagen unter Anleitung des Autors und Schreibtrainers Alexander Posch verfasst hatten.

Hier eine kleine Kostprobe von Erzählanfängen.

Meine Nase kribbelte immer noch. Die Luft war voller Staub. Ich hatte die rostige Tür geöffnet und mir war direkt eine Wolke aus Dreck entgegengekommen. Das Niesen hatte fast nicht mehr aufgehört, aber nach kurzer Zeit hatte ich es geschafft mich zu beruhigen. Ich wollte raus aus diesem Drecksloch. (aus: „Rabenflug“ von Tobias)

Die Bar ist dunkel und laut. Die Musik dröhnt in meinen Ohren und die Gespräche der anderen Gäste verschwimmen zu einem einzigen Rauschen. Ich stehe an der Theke und bestelle mir einen Cape Cod. (aus: „Eine Nacht wie keine andere“ von Hanna)

Trotz der wenigen Bewegungen roch der Raum immens nach Schweiß. Kein Wunder, mit 400 Leuten war er auch gut gefüllt, besonders, da er eigentlich nur für 300 gedacht war. Durch diese Überbelegung waren auch auf der Bühne, die eigentlich für Ansagen und die Trophäen gedacht war, Tische aufgebaut. Und auf diesen standen dann die verbliebenen Schachbretter und Figuren. (von Louis L. – ohne Titel)

Endlich fand Jim Zeit dazu, die rot-weiße Zigarettenschachtel, die ihm schon seit Stunden nicht mehr aus dem Kopf ging, aus seiner linken Hosentasche zu ziehen und all dem Chaos, welches sich in der Küche abspielte, aus dem Weg zu gehen. (aus: „Das Pinocchio“ von Tim)

„EX EX EX EX EX … “ Diese Worte und das kühle Bier, welches mir in den Rachen schoss, sind das Letzte, an was ich mich erinnere. Das war es also, der letzte Abend meiner Kindheit. (von Maxi Villwock – ohne Titel)

Meine Mutter sagt immer, ich soll „die Seele baumeln lassen“, aber woher will sie wissen, wie das geht. Das tut sie doch selbst nie! Ich komme nach ihr, was das angeht, in meinem Kopf herrscht ein ständiges Sausen und Brausen, wie auf einer Autobahn mit unzähligen Spuren. (von Gioia – ohne Titel)

Die Großstadt erwachte zu einem unerbittlichen Beat, der zwischen den Betonwänden widerhallte und sich wie eine unaufhörliche Melodie in den Straßen verfing. Luc sehnte sich nach Erfolg und Ruhm, weshalb er das Herz dieser betongewordenen Träume betrat. Die neonbeleuchteten Straßen versprachen Glanz und Gloria, während er mit seiner Gitarre auf der Schulter versuchte, die Bühnen der Stadt zu erobern. (aus „Aufstieg im Schatten des Zweifel“ von Louis W.)

Angelehnt an Irmgard Keuns  „Das kunstseidene Mädchen“ – dieser Roman aus dem Berlin der 1920er/30er Jahre war allen Teilnehmern der Schreibwerkstatt bekannt – entwarfen die zwölf Jungautorinnen und – autoren in ihren Texten Protagonisten, die nach ihrem Platz in der Welt suchten, sich fragten, ob sie „ein Glanz“ werden, also die Welt erobern könnten angesichts einer von Krisen und Kriegen bewegten Zeit.

Zur Vorbereitung auf das eigene Schreiben hatte Herr Posch vier sehr unterschiedliche Kurzgeschichten mitgebracht: den extrem verdichteten Text ‚Das Mädchen‘ der karibischen Autorin Jamaica Kincaid, eine Einsamkeit-in-Großstadt-Geschichte des Engländers Denton Welch über einen Londoner Kunststudenten aus den 1930er Jahren, den US-amerikanischen Klassiker ‚Ein Kämpfer‘ von Ernest Hemingway aus dem Jahr 1924 und die 2009 verfasste Erzählung ‚Schmetterlinge‘ der argentinischen Autorin Samanta Schwebli.

 

Teilnehmer der neunten Schreibwerkstatt:

Olivia Bahr

Enni Bradt

Margarita Elesin

Hanna Engeler

Gioia Fragapane

Tim Ihlau

Tobias Kellermeyer

Louis Leine

Momme Perl

Justus Rathgeb

Maximilian Villwock

Louis Wulf

 

Fotos: Janina Arlt

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