Bildende Kunst am Gymnasium Eppendorf


"Die Kunst ist es, die dem Menschen erlaubt, mit sich bekannt zu werden, sie gewährt ihm die Erfahrung der Freiheit, der Schönheit und der Erkenntnis. Die Kunst ist das große Spiel, das dem Menschen die Welt erschließt." (Ulrich Raulff)
Wozu brauchen wir Kunst oder gar Kunstunterricht?
Von einem Direktor des Deutschen Literaturarchivs erwartet man natürlich, dass die Kunst im Mittelpunkt steht. Dass Ulrich Raulff aber von einem Bankmanager zitiert und interpretiert wird, ist weniger selbstverständlich. Walter Zügel, ehemals Vorsitzender der Landesbank Baden-Württemberg, erörtert dabei, ob Wirtschaft ohne Kultur und Kultur ohne Wirtschaft vorstellbar sei. Natürlich handelt es sich um eine rhetorische Frage!
Kunst kann nicht auf dekorative Funktionen beschränkt werden – Kunst kann mehr. Sie erschließt uns in unvergleichlicher Weise die Welt, macht Unsichtbares sichtbar und hilft, die Wirklichkeit aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen und darzustellen. Sie kann die Alltagsgewohnheiten provokativ durchbrechen und lässt uns die Welt neu erblicken. Kunst macht dabei aber auch Arbeit. Genießerisch zurückgelehnt ist sie nicht zu haben. Die intensive Auseinandersetzung mit ihr verlangt nach theoretischer Reflexion wie nach eigener gestalterischer Praxis.
„Und das soll Kunst sein?“ – Wie offen und interessiert die Schülerinnen und Schüler des Gymnasium Eppendorf dieser Frage gegenüber stehen, sehen wir mit großer Freude. Es wird nicht nur in der Schule gearbeitet. Mit den Lehrerinnen und Lehren wurden Ausstellungen besucht, wie rückblickend zum Beispiel die Schau des schrägen Schweizer Künstlerpaars Fischli & Weiss oder die große Retrospektive von Mark Rothko. Überraschend war für viele, was es auf fast monochromen Farbflächen alles zu sehen gibt. Zum Erstaunen der Lehrerin waren auf einmal eineinhalb Stunden Theorieunterricht vor den Originalkunstwerken im Museum selbst einer 6. Klasse „viel zu kurz“.
Frau Busold lud zur Vorbesichtigung einer Auktion der Villa Griesebach ein und konnte sich über die intelligenten Fragen wie über das Vorwissen freuen. Wie man Kunstwerke signiert und wie man limitierte Auflagen herstellt, war den Schülerinnen und Schülern schon bekannt. Über den Kunstunterricht ergaben sich auch neue Kontakte im Stadtteil. Das Projekt „Schrille Brille“, eine Brillenumgestaltung mit anschließender Modenschau, mündete in eine Ausstellung bei Optiker Carl in Eppendorf. Aber auch Expeditionen in die Welt des Design und der Architektur werden regelmäßig für groß und klein angeboten. Dass es immer wieder Leistungskurse im Fach Kunst gab, wir jetzt ein „Kunstprofil“ haben und ein Programm der Begabtenförderung für die Klassen 7, erfreut uns alle.
Ein zeitgemäßer Kunstunterricht umfasst viele Themenfelder, vom Grafikdesign bis hin zur Mode oder dem Produktdesign, von der pingeligen Graphitzeichnung bis hin zur inszenierten Fotografie oder zur provokanten Videoinstallation, vom Architekturmodell aus Damenstrumpfhosen bis hin zur intellektuellen Auseinandersetzung der Formen der Postmoderne und des Dekonstruktivismus. Damit erfüllt der Unterricht in besonderer Weise den allgemeinen Bildungsauftrag kultureller Kompetenz. Wir leben in einer visuell geprägten Kultur. Kinder und Jugendliche, die in diese Kultur hineinwachsen, brauchen ein Fach, das Grundlagen bereitstellt für die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Bilderwelten von heute.

Janina Arlt (Fachvorsitz Bildende Kunst)